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Leben mit Grundeinkommen

Leben mit Grundeinkommen

·1298 Wörter·7 min·
Inhaltsverzeichnis

Der gemeinnützige Verein Mein Grundeinkommen e.V. verlost seit vielen Jahren ein monatliches Grundeinkommen, das die Gewinnenden für ein Jahr bedingungslos erhalten. Im Oktober 2024 zählte ich zu den glücklichen Gewinnern und bekam fortan für ein Jahr ein utopisches Grundeinkommen von 1000 € überwiesen.

Das Grundeinkommen kann entscheidender Faktor für stabile Lebensverhältnisse und die Steigerung der Qualität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sein. Ich selber verfolge das Projekt Mein Grundeinkommen e.V. bereits lange und verbinde es mit persönlichen Lebensumständen unmittelbar nach dem Studium, in denen ich es mir immer gewünscht hätte zu den glücklichen Gewinnern zu gehören. Umso mehr habe ich geschmunzelt, als mich das Glück ereilte zu den Gewinnenden zu gehören.

Screenshot, der eine weitere Teilname an der Verlosung des Grundeinkommens verhindert, da man gerade Grundeinkommen bezieht.

Was ein solcher Gewinn für mich persönlich bedeutete, was er ermöglichte und wie ich im Detail den monatlichen Obolus genutzt habe, möchte ich in diesem Post festhalten.

Lebenssituation

Ich habe im Jahr 2019 für mich entschieden, dass fünf Arbeitstage in der Woche in keinem gesunden menschenwürdigen Verhältnis zu lediglich zwei Wochen­end­tagen stehen und bin damals auf eine 4-Tage-Woche à 32 Wochenstunden gewechselt. Mir ist völlig klar, dass dies nicht jeder Mensch machen kann und ich ein Privileg genieße. In meinem persönlichen Fall habe ich die Entscheidung gewissenhaft durchgerechnet und für mich entschieden, dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche und Geld ab einem Gewissen Punkt keinen zusätzlichen Zauber mehr ins Leben bringt. Statt eines fünften Arbeitstages habe ich jetzt einen altruistischen freien Tag an dem ich mich Menschen, Themen und Aufgaben widme, die primär nicht mir, sondern anderen zu Gute kommen. Das ist gut für den Kopf, schafft Abstand zur beruflichen Tätigkeit und bringt mich schneller gedanklich ins Wochenende.

“Wer zu viel arbeitet, begeht einen doppelten Betrug: Er betrügt sich selbst um sein Leben und seine Arbeit um ihre Güte.”

– Marie von Ebner-Eschenbach

Ich würde mich selbst als Puristen beschreiben, der Verpflichtungen lieber aus sicherer Entfernung betrachtet und auch eine Dekade nach Beendigung des Studiums den Studierendenmodus nie gänzlich verlassen hat. Ich habe, abseits von meiner Miete, keine hohen Ausgaben, habe keine laufenden Langzeit­verträge. Ich habe keine Schulden, kein Haus, das ich abbezahlen muss, keinen Handyvertrag. Ich führe keinen teuren Scheidungskrieg, muss keinen Unterhalt zahlen und fahre seit jeher nur treue 190er Benz, die ich ausnahmslos alle Bar auf die Kralle bezahlt habe und liebevoll mein Bluesmobil nenne.

Wer einmal hinterm Stern gesessen, wird es niemals mehr vergessen.

Wer einmal hinterm Stern gesessen, wird es niemals mehr vergessen.

Meine teuersten Investitionen der letzten Dekade waren ein MacBook Air M1 und ein iPhone 12, sowie mein aktueller 190er. Alles zusammen keine 6000 €. Mit dem Konsum ist es für mich wie mit dem Geld und der Arbeit: Irgendwann ist weniger mehr.

Erste Gedanken zum Gewinn

Als ich von dem Gewinn erfahren habe, waren es im Kern drei Gedanken, die mir initial durch den Kopf schossen:

  1. Ich habe das Grundeinkommen im Tandem mit einer wunderbaren Person gewonnen, deren Lebensverhältnisse nicht deckungsgleich mit meinen waren und die in einem toxischen Bürojob gefangen war. Ihr Tag war geprägt von Arbeitskollegen mit unterkomplex vernetzten Gehirnen, Alltagsrassismen und intellektueller Stumpfheit. Diesen Job konnte sie nun glücklicherweise kündigen. Für ihr Leben würde der Gewinn sehr viel mehr ermöglichen, als für mich und daher habe ich mich in erster Linie viel mehr für sie gefreut, als über meinen eigenen Gewinn.
  2. Mit zusätzlichen 1000 € im Monat hätte ich temporär meine Arbeitszeit weiter reduzieren und für ein Jahr auf eine 3-Tage-Woche à 24 Wochenstunden wechseln können. Den Gedanken habe ich aber relativ schnell verworfen, denn vermutlich wäre es mental für mich nicht verkraftbar gewesen erneut von drei auf vier Arbeitstage zu wechseln, sobald die Zahlungen des Grundeinkommens eingestellt würden.
  3. Warum sollte ich den Gewinn ausschließlich für mich nutzen? Wäre es nicht zielführender das Geld, gemäß den Grundsätzen des Effektiven Altruismus, zum Nutzen Anderer einzusetzen und Gutes zu tun?

Ich habe mich dafür entschieden die Hälfte des Geldes für mich zu nutzen und die andere Hälfte wurde verwendet für Menschen, Organisationen, Open-Source-Projekte, etc., bei denen es Besser aufgehoben war, als bei mir.

Verwendungszwecke

An dieser Stelle sollen exemplarisch einige Ausgaben gelistet werden, für die ich das Grundeinkommen genutzt habe:

  • Weihnachtsgeschenke: Persönlich hervorzuheben sei ein höherpreisiges Lego-Set für meinen ältesten Neffen, das er sich selber ausgesucht hat und mir sonst vermutlich zu teuer gewesen wäre. Da er meine kindheitliche Liebe für Lego teilt und der Weg hin zu Lego Technik geebnet werden muss, war es mir ein Anliegen ihm diesen Wunsch zu erfüllen.
  • Ich habe meinem geschätzten Nachbarn und guten Freund einen Fender Akustik Bass gekauft, damit wir im Sommer zusammen stümperhaft Lieder von Nirvana im Vorgarten covern und dabei warmes Perli trinken können. Leider erwies sich sein Gehirn und Physiognomie als zu steiff und ungelenk, um sich der musischen Entfaltung auf (lediglich) vier Saiten hinzugeben. Vielleicht wird das ja in Zukunft noch was… Bis dahin habe ich einen formschönen Staubfänger im Wohnzimmer, den ich als Linkshänder nur bedingt spielen kann.
  • Da ich seit zwei Jahrzehnten drei Paar Sneaker pro Jahr durchlaufe, habe ich schon länger einen nachhaltigeren Ansatz für die Fußbeplankung angesonnen und daher zwei Paar Schuhe aus dem tradierten Hause Solovair gekauft, und zwar die Modelle 6 Eye Astronaut Boot und Black Greasy Dealer Boot. Insbesondere letzteres Modell ist schlichtweg ein Traum, wenn man schnell mal in bequeme Schuhe springen muss. Für den Astronaut Boot empfehle ich den eigenen Horizont zu erweitern und einen Berlutti-Knoten zu lernen, da diese Schuhe ohne gewachste Schnürsenkel ausgeliefert werden.
  • Ich habe einem feinen Menschen, den ich mehr schätze als ihr vermutlich bewusst ist, bei einer ausstehenden Zahlung und endlosem Inkasso-Papierkrieg-Terror mit dem Job Center unter die Arme gegriffen und zeitgleich, in Teilen, die Kosten für eine anstehende Katzenoperation bezahlt. Gut Pfote, Mush, und auf weitere sechs Leben!
  • Ich habe das lokale Kinderhospiz mit einer Spende beglückt, da ich aus meiner Zivildienstzeit weiß, wie unglaublich wichtig deren Arbeit ist. Das mache ich generell jährlich, aber dieses Jahr konnte ich einen höheren Betrag auf den Tisch legen und das hat mich innerlich freudig gestimmt.
  • Ich habe das gesamte Mehrparteienhaus zum Essen beim Italiener eingeladen, weil es allesamt tolle Menschen sind und ich mich glücklich schätzen kann, dass wir so eine innige und umgängliche Nachbarschaft formen, trotz anonymen Großstadtlebens. Haupttreiber der Einladung war der feierliche Auszug eines verwirrten Hausbewohners, der die gesamte Hausgemeinschaft auf Trab hielt und dessen Eskapaden in dem separaten Beitrag Ein Krawallant im Haus festgehalten wurden.
  • Da ich selber ein großer Freund von Open-Source-Software und freiem Wissen bin, habe ich diverse Projekte und Dienste unterstützt, unter Anderem:
    • Signal, da es mir bis heute unverständlich ist, wie Menschen einen Messenger wie WhatsApp nutzen können, ohne sich dabei selber ihrer äffischen Abstammung bewusst zu werden.
    • Die Mozilla Foundation, die - trotz ihrer unsäglichen AI-Irrwege - nach wie vor den einzigen brauchbaren freien Browser Firefox entwickelt.
    • Die Matrix Foundation, da sie mit dem Messenger Element eine (noch nicht ganz brauchbare) Alternative zu Microsoft Teams und Discord entwickeln und mich an gute alte förderierende XMPP-Zeiten erinnert.

Restrospektive

Das vergangene Jahr mit einem Grundeinkommen hinterlässt rückblickend auf für mich folgende Erkenntnisse:

  1. Der Gedanke, jederzeit kündigen zu können und ein Jahr lang keine finanziellen Sorgen zu haben, ist wunderschön und sollte gesellschaftlicher De-Facto-Standard werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Menschen sich beruflich umorientieren und genau die Sicherheit des Grundeinkommens nutzen würden, um in Ruhe, ohne Druck und mit Bedacht Ausschau nach einem Job zu halten, ohne sich den bekannten Gängeleien des Job Centers hingeben zu müssen.
  2. Würde ich ein kontinuierlich ausgezahltes Grundeinkommen beziehen, hätte ich gekündigt und einen lang gehegten Traum verfolgt und eine Ausbildung zum Gitarrenbauer begonnen.
  3. Mit dem Grundeinkommen ist es wie mit dem Glück, und es gilt “Sharing is caring”. Andere an seinem Gewinn teilhaben zu lassen, war und ist für mich der schönste Gedanke, der sich bei mir verfestigt hat.

Allen zukünftigen Gewinnern kann man nur aus tiefstem Herzen gratulieren, denn ein Grundeinkommen macht was im Kopf!