Nach einer zweijährigen Odyssee schloss sich vor Kurzem, per richterlicher Anordnung, ein unschönes Kapitel in dem Mehrparteienhaus, in dem ich lebe. Eine Person mit offenkundig psychischen Problemen hielt über viele Monate hinweg die gesamte Hausgemeinschaft auf Trab. Was unscheinbar begann, endete in Wahnvorstellungen, Sachbeschädigung und Fremdgefährdung.
Anregung für diesen Artikel war ein Beitrag aus der Zeit mit dem Titel Gefahr in der Hausgemeinschaft: Als die Angst einzog, der erschreckend viele Parallelen zu dem Fall in meinem Haus aufwies. Der Artikel der Zeit beschreibt eindrücklich den Fall einer wahnhaften Frau, ihrem Treiben und den Folgen für eine intakte Hausgemeinschaft. Gleichzeitig schildert er eindrücklich das Ohnmachtsgefühl nichts gegen den Störenfried tun zu können und das Verhalten einer Polizei, deren Hände in solchen Fällen gebunden sind. Die Kommentarspalte unter dem Artikel gibt Einblick in anderer Menschen Leben, die ebenfalls von einem solchen Fall betroffen sind.
Ich möchte in diesem Beitrag konkret aufzeigen, wie sich die Situation im Falle unserer Hausgemeinschaft abgespielt hat.
Phase 1: Stiller Einzug
Nachdem im Jahr 2023 eine Wohneinheit in unserem Mehrparteienhaus frei wurde, zogen zeitnah im ersten Stock eine Mutter und ihr Sohn, letzterer im folgenden Text nur noch “S” genannt, in die Wohnung ein. Die Mutter war geschätzt Mitte 50 und ihr Sohn höchstens in den frühen 20ern. Persönlich habe ich von dem Einzug nichts mitbekommen und laut Erzählungen eines Hausbewohners zogen beide ohne nennenswerten Hausstand ein. Es gab keinen gebuchten Möbeltransporter, kaum Kartons oder großes Schleppen.
Die Mutter sah man nur früh, wenn sie zu Fuß den Weg zur Arbeit antrat oder nachmittags davon zurück kehrte. S bekam niemand zu Gesicht. Auch nahm man ihn nicht auffallend wahr. Hätte man es mir nicht erzählt, hätte ich nie vermutet, dass neben der Mutter noch eine weitere Person in dem Haushalt leben würde.
In diesem Modus verlief das Zusammenleben nahezu ein Dreivierteljahr bis sich der Sommer 2024 anbahnte und wir als Hausgemeinschaft vermehrt den Garten vor dem Haus für gemeinsames Grillen, Feierabendbierchen und Plausch in der Sonne nutzten. Das Zimmer von S hatte Blick auf den Garten und das Treiben schien ihm zutiefst zuwider.
Phase 2: Zettelbotschaften
Es war besagter Sommeranfang als eines Tages ein vereinzelter Zettel mit einem Bibelvers urplötzlich im Garten auftauchte. Er wurde offenkundig aus dem Fenster im ersten Stock unmittelbar in den darunter gelegenen Garten geworfen. Die Sammlung der Zettel wuchs beständig von Tag zu Tag. Mal waren sie zu Papierfliegern gefaltet und andere male waren sie an Geldmünzen geklebt, um gezielter abgeworfen werden zu können. Einmal hing aus dem Nichts ein Pamphlet an der Pinnwand im Hausflur.
Es waren keine lebensbejahenden Bibelstellen, die auf den Zetteln vermerkt waren. Auf einigen Zetteln waren lediglich Songs mit zugehörigem Youtube-Link mit Titeln wie Kapelle des Todes oder Is He Worthy geschrieben. Andere enthielten persönliche Drohgebärden, wie “Euer Los. […] Entscheidet weise, Mädels”. Heraus stach auch eine kontinuierlich propagierte Referenz auf die Webseite trompete-gottes.com, die wiederum einen URL-Redirect auf eine Webseite namens Trumpet Call of God besitzt.
Über die Trompetenfreunde ist relativ wenig im Weltnetz zu finden. Es scheint sich um einen sektenhaften Kult zu handeln, der einem Anführer namens Timothy folgt und der im echten Leben Speed T. Rathbun heißt. Timothy hatte, laut eigenen Aussagen, 2010 mal einen direkten Plausch mit Gott, hat alles schriftlich festgehalten und bietet diesen zweifelhaften Content in diversen PDFs, verstreut über mehrere Webseiten, kostenfrei im Internet zum Download feil.
Bis zu diesem Punkt und bis auf die Zettel, war sonst nichts von S zu vernehmen. Eine persönliche Ansprache oder Kontaktaufnahme seinerseits blieb aus. Der Sommer ging in den Herbst über und die sonst gewohnte Ruhe von S gehörte der Vergangenheit an.
Phase 3: Fluchen & Ruhestörung
Im Herbst konnte man mit steigender Tendenz lautes Fluchen und Beleidigungen außerhalb von S Wohnungstür im Treppenhaus vernehmen. Es waren Kraftausdrücke aller Couleur, die er augenscheinlich gegen seine eigene Mutter richtete. “Du Schlampe. Du Hure. Ich bring dich um!”
Mit der Zeit wurde ersichtlich, dass er auch fluchte, wenn seine Mutter gar nicht zu Hause anwesend war. Zu den Flüchen gesellte sich rasch auch laut vernehmbarer Krach, der scheinbar davon ausging, dass S mit physischer Gewalt auf Gegenstände und die Wände der Wohnung einwirkte. Die nun fast täglich auftretenden Ausraster zur Tageszeit wurden zur Normalität und verlagerten sich alsbald in unchristliche nächtliche Zeitfenster zwischen 0 und 3 Uhr.
Insgeheim herrschte initial die Hoffnung, dass seine Mutter intervenieren und dem Treiben ein Ende bereiten würde. Sprach man sie auf das Verhalten ihres Sohnes an, stellte sich schnell heraus, dass sie die Schuld nicht bei ihm sah, sondern dass die Hausgemeinschaft sein Verhalten triggern würde. Ihren Sohn träfe da gewiss keine Schuld. Verständnis ihrerseits für vorgetragene Beschwerden war nie vernehmbar. Auch schien sie das Verhalten ihres Sohnes gänzlich für sich normalisiert zu haben.
Zeitnah lernte ich S das erste mal persönlich kennen. Ich saß im Garten in der herbstlichen Abendsonne, als er unerwartet aus dem Haus trat, um den Müll in den Mülltonnen zu entsorgen. Ein kleiner, zierlicher junger Mann in Adiletten und kurzer Hose stand mir gegenüber. Er wirkte auf den ersten Blick völlig normal und blickte mich doch mit stechendem Blick an, ohne ein Wort zu verlieren. Ich begrüßte ihn und stellte mich vor. Er tat es ebenfalls und wirkte dabei sichtlich nervös und kurz angebunden, als wolle er schnell wieder ins Haus. Ob alles in Ordnung wäre, fragte ich, was mit einem knappen “Ja” begegnet wurde. Er guckte mich weiterhin nur an. Was er denn so machen würde, fragte ich, worauf er antwortete “Er mache sein eigenes Ding”. Noch immer stand er einfach da und guckte mich an. Wo er denn herkäme und aufgewachsen sei, fragte ich, woraufhin er erwiderte er wäre in der Vergangenheit sehr oft mit seiner Mutter umgezogen. Dann wünschte er mir einen schönen Abend und ging zurück ins Haus.
Bis zu diesem Punkt spielte sich das Verhalten von S in Gänze innerhalb seiner eigenen vier Wände ab. Doch auch das sollte ab nun der Vergangenheit angehören.
Phase 4: Psychoterror
Eines Tages klingelte es zum späten Abend bei einem Bewohner des Hauses an der Tür. S hatte sich aus der Wohnung gewagt, um ein persönliches Anliegen vorzutragen. Als die Tür geöffnet wurde sagte er den Satz: “Wir haben ein Problem”.
Das Gespräch verlief wirr. Im Kern warf S der Person vor mittels Gedankenkraft seine Wassertherme zu steuern und somit Lärm zu verursachen, um willentlich “Psychoterror” an ihm zu verüben. Beschwichtigungen, dass dies nicht der Fall sei, erreichten S nicht und langsam wurde allen im Haus ersichtlich, dass eine Stufe erreicht war, die Vorsicht und Umsicht von allen Hausbewohnern erforderte.
Die Lärmbelästigung nahm in den folgenden Wochen mehr und mehr zu. Die Polizei wurde in regelmäßigen Abständen eingeschaltet, blieb in der Regel aber nur kurz, da keine Fremdgefährdung vorlag. Sie empfahl ein Lärmprotokoll zu führen und mit der Vermietung in Kontakt zu treten. Mehr könne sie an der Stelle nicht tun.
Ein Nachbar aus dem Nebengebäude beschwerte sich in den Folgetagen, weil S am Fenster gestanden und ihn auf der Straße mit Kraftausdrücken beleidigt hätte. Als ich S eines Tages am Fenster stehen sah, streckte er mir energisch den Mittelfinger entgegen, obwohl ich ihm stets freundlich gesonnen war.
Eines weiteren Tages traf ich S im Hausflur an. Er stand dort einfach ziellos auf halbem Stock herum. Auf die Frage, ob es ihm gut ginge folgte erneut nur ein knappes “Ja”. Auf meine Nachfrage, ob es ihm wirklich gut ginge, geriet er unerwartet in einen Redeschwall. Er hätte ein gewaltiges Problem mit dem Bewohner, bei dem er auch bereits geklingelt hätte. Der besagte Mitbewohner würde “Psychoterror” und “psychische Folter” an ihm ausüben und er müsse sich da konsequenterweise etwas finales überlegen, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Auf meinen Einwand, dass gerade sein Verhalten das gesamte Haus gegen ihn aufbrächte, entgegnete er nur mit einem abschätzigen Lachen. Zugänglich war er ab dem Punkt nicht mehr und unsere Wege trennten sich.
Einmal öffnete S die Haustür als ich gerade Heim kam und sprach mich direkt mit meinem Vornamen an, den er sich scheinbar aus der Vorstellung im Garten gemerkt hatte. Er hätte ein Problem. Sein Handy hätte urplötzlich keinen Empfang mehr und er hätte den Verdacht abgehört zu werden oder gehackt worden zu sein. Er bat um eine technische Einschätzung des Sachverhalts und wirkte freundlich gesonnen und kommunikativ.
Ein weiteres mal kam ich spät abends nach Hause, schloss die Haustür auf und S stand direkt dahinter im Dunkeln - wer weiß wie lange schon. Ich erschrak mich zu Tode und sagte ihm in freundlichem Ton, dass er mir einen guten Schrecken eingejagt hätte. Er sagte nichts. Stattdessen ging er langsam seitwärts die Treppe hinauf bis zu seiner Haustür und schaute mich dabei durchweg an.
Im folgenden ein exemplarisches kombiniertes Lärmprotokoll aller Hausbewohner aus dieser Zeit:
| TAG | UHRZEIT | VORFALL |
|---|---|---|
| 01.12 | 19:15 | Dumpfe Schläge gegen Wände |
| 04.12 | 07:00 | Hämmern gegen Wände |
| 05.12 | 22:15 | Mehrfach lautes physisches Knallen, als falle etwas massives um. |
| 05.12 | 00:15 | Schreien |
| 06.12 | 22:00 | Poltern / Schlagen gegen Haustür / lautstarkes Fluchen & Beleidigen |
| 09.12 | 03:00 | Geräusche (undefinierbar) |
| 10.12 | 02:10 | Lautes Fluchen am Hinterhoffenster |
| 10.12 | 14:30 | Hämmern gegen Wände |
| 12.12 | 17:00 | Eskalation mit Polizeieinsatz. Offene Drohung seinerseits an Hausbewohner, als diese sich über Lärmbelästigung beschweren. |
| 13.12 | 15:15 | Lautes Gerumpel |
| 14.12 | 02:00 | Lautes Gerumpel. Erneut Polizeieinsatz. |
| 17.12 | 00:30 | Lauter hasserfüllter Monolog. Vernehmbar im Treppenhaus. |
| 18.12 | 05:15 | Hämmern gegen Wände |
| 20.12 | 02:20 | Lautes physisch vernehmbare dumpfe Geräusche. Wände wackeln merklich. |
| 26.12 | 23:00 | Lautes Geschrei. Deutlich vernehmbar im Treppenhaus. |
| 28.12 | 01:05 | Hämmern gegen Wände |
| 28.12 | 14:15 | Zeigt Mittelfinger durchs Fenster zur Straße und beleidigt Leute. Später erneut Polizei im Haus wegen laut vernehmbarer Hasstiraden. Polizei blieb gute zwei Stunden. |
Zu aller Überraschung war bereits seit einiger Zeit urplötzlich seine Mutter verschwunden. Sie war einfach seit Wochen nicht mehr da und S war auf sich allein gestellt und ohne familiäre Bezugsperson. Eines Abends klingelte er bei einem Nachbarn und bat um Geld, da er schlichtweg nichts mehr zu essen hätte. Er konnte einem Leid tun…
Seine Mutter sollte nur noch einmal auftauchen und eine neue Phase der Eskalation einleiten.
Phase 5: Sachbeschädigung
Die nächtlichen Exzesse und Ruhestörungen gingen unvermittelt weiter. Die Polizei war in der Regel einmal die Woche im Haus, sprach mit S und ging. Der fortlaufend geäußerten Bitte, einen Amtsarzt hinzuzuziehen und eine Einweisung in die Psychiatrie aus höherer Instanz zu erwirken, wurde beharrlich nicht stattgegeben, da weder Fremd-, noch Eigengefährdung vorläge.
Eines Tages war seine Mutter urplötzlich auf einmal wieder da. Es waren lautstarke Beschimpfungen seinerseits im Treppenhaus zu vernehmen. Sie schien ihm irgendwas gesagt zu haben, was ihm offenkundig nicht gefiel. Durch das Fenster sah ich die Mutter fluchtartig die Wohnung verlassen und Minuten später hörte man das laute Klirren berstender Scheiben durch den Hausflur. S hatte in einem Wutanfall die Glasscheibe in seiner Haustür eingeschlagen. Seine Mutter ward ab diesem Zeitpunkt nie wieder gesehen.
Ein paar Tage später wurde ich morgens um 6 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen, weil ein Gegenstand mit Wucht und aus Höhe im Hinterhof auf den Boden prallte. S hatte die gesamte Beistellware, die auf der Fensterbank platziert war, inkl. zweier großer Pflanzen und deren massiven Tontöpfen, in den Hinterhof des Nachbarhauses geworfen. In dem angrenzenden Nachbarhaus leben Kinder, die genau in diesem Hinterhof ihre Fahrräder abstellen mit denen sie morgens zur Schule und zum Kindergarten fahren. Der Punkt der Fremdgefährdung war an dieser Stelle erreicht. Eine rote Linie wurde von S überschritten.
Minuten später war die Polizei und ein Rettungswagen vor Ort. S antwortete nicht auf ihr energisches Klingeln, Klopfen und Rufen. Er schwieg und tat, als wäre er nicht zu Hause. Die Feuerwehr wurde hinzugezogen, um die Haustür gewaltsam zu öffnen. Als S dann doch nach 1,5 Stunden kleinbei gab und die Tür öffnete, hörte man sein ewiges Klagelied darüber, dass er von den Hausbewohnern terrorisiert werden würde, dass er nicht derjenige sei, zu dem die Polizei gehen solle, dass sich alle gegen ihn verschworen hätten.
Dieses mal nahm die Polizei S nach langen Verhandlungen mit. Wohin erfuhr niemand. Wie lange S wegbleiben würde, wusste ebenfalls keiner - aber er blieb weg.
Nach ca. 10 Tagen des Friedens tauchte er aus der Versenkung wieder auf. Danach war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er ging joggen und man traf ihn oftmals außer Haus an. Einmal kreuzten sich unsere Wege in der Stadt und er erzählte stolz, dass er jetzt eine Freundin hätte. Man konnte sich gut mit ihm unterhalten und er wirkte froh, dem Leben zugewandt und lachte viel beim Reden. Oft war er tagelang nicht zu Hause. Alles schien gut und in geordneten Bahnen, als hätte irgendjemand in der Zeit seiner Abwesenheit einen Schalter umgelegt. Auch die nächtlichen Ruhestörungen blieben aus. Es war wieder Frieden und Normalität im Haus.
Zwei Monate später waren erneut Scherben im Flur. Er hatte einen Bilderrahmen mit Glasscheibe zerschlagen…
Phase 6: Stiller Auszug
Über die vergangenen Monate wurde in einem langen zähen Prozess vor dem Amtsgericht eine außerordentliche Kündigung des Mietvertrags inkl. Zwangsräumung erwirkt, der nun - zur Erleichterung aller Hausbewohner - stattgegeben und auch von S akzeptiert wurde.
So still wie S einzog, zog er auch wieder aus. Er nahm, laut Erzählung eines Hausbewohners, lediglich drei Gegenstände mit: Eine Matratze, einen Bluetooth-Lautsprecher und einen Spiegel.
Unweigerlich musste ich an seine Worte unserer Begegnung in der herbstlichen Abendsonne denken: "[…] ich bin oft mit meiner Mutter umgezogen". An der Stelle schließt sich vermutlich der Kreis. Er wird erneut mit spärlichen Hausstand umziehen, ohne Vorwarnung an seine neuen Nachbarn und das Treiben beginnt schleichend von Neuem.